Faustus Tuschmann
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Student Grant
Uni­ver­si­tät Hei­del­bergMo­le­ku­la­re Bio­wis­sen­schaf­ten

Faustus Tuschmann

«Eine eiserne Of­fen­heit be­wah­ren»

Der Hei­del­ber­ger Mas­ter­stu­dent Faustus Tu­sch­mann ist fas­zi­niert von der Kom­ple­xi­tät des mensch­li­chen Gehirns. Ob Pri­on­krank­hei­ten, Glio­blas­to­me oder epi­ge­ne­ti­sche Me­cha­nis­men: In seiner For­schung sucht er nach den mo­le­ku­la­ren Ur­sa­chen neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ver Er­kran­kun­gen und nach An­sät­zen für künf­ti­ge The­ra­pi­en.

Das mensch­li­che Gehirn sprengt immer wieder unsere Vor­stel­lungs­kraft. Es ist einfach un­fass­bar, wie ein­zel­ne Neu­ro­nen mit­ein­an­der ver­schal­tet sind. Oft ver­ste­hen wir noch gar nicht, was genau dort pas­siert. Be­trach­ten wir zum Bei­spiel die Pur­kin­je­zel­len: Sie bilden im Durch­schnitt etwa Ein­hun­dert­tau­send Ver­bin­dun­gen zu anderen Neu­ro­nen aus und müssen diese Signale ent­spre­chend ver­ar­bei­ten – und das bei einer Größe des Zell­kör­pers von nur 40 Mi­kro­me­tern. Solche Fakten zur Kom­ple­xi­tät des Gehirns fas­zi­nie­ren mich. Doch noch span­nen­der finde ich, wie unser Gehirn uns zum Men­schen macht und in­wie­fern diese Kom­ple­xi­tät uns von den anderen Tieren abhebt. Pa­ra­do­xer­wei­se ist sie auch aus­schlag­ge­bend dafür, dass wir an­fäl­lig sind für neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ve Er­kran­kun­gen wie Alz­hei­mer oder Par­kin­son . Diesen Zu­sam­men­hang möchte ich auf mo­le­ku­la­rer Ebene ver­ste­hen.

Ich möchte grund­le­gen­des Wissen schaf­fen, das eines Tages Men­schen hilft.

Faustus Tuschmann

Am Scripps Re­se­arch In­sti­tu­te in San Diego habe ich im Rahmen meines Mas­ter­pro­gramms zu Pri­on­krank­hei­ten ge­forscht. Dabei falten sich Pro­te­ine feh­ler­haft und lösen eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus, die mas­sen­haft Neu­ro­nen im Gehirn ab­ster­ben lässt. Wir haben an so­ge­nann­ten small mole­cu­les ge­ar­bei­tet – kleinen or­ga­ni­schen Mo­le­kü­len, die den Abbau der feh­ler­haf­ten Pro­te­ine fördern. Die Hoff­nung ist, dass daraus eine The­ra­pie her­vor­geht. Erste kli­ni­sche Studien am Men­schen könnten Anfang 2027 be­gin­nen.

Ich möchte grund­le­gen­des Wissen schaf­fen, das eines Tages Men­schen hilft. Für meine Mas­ter­ar­beit befasse ich mich am Deut­schen Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ) in Hei­del­berg mit dem Glio­blas­tom, einem ag­gres­si­ven Hirn­tu­mor, der häufig Kinder be­trifft. Unsere Ar­beits­grup­pe er­forscht, wie gen­re­gu­la­to­ri­sche Me­cha­nis­men die DNA in po­ten­zi­el­len Krebs­zel­len steuern und wie diese Steue­rung bei Krank­heits­aus­bruch gestört ist. Diese For­schung ist es­sen­zi­ell, um das Krank­heits­bild zu ver­ste­hen, auch wenn eine ku­ra­ti­ve Be­hand­lung aktuell noch in weiter Ferne liegt.

Schon als Kind hat mich die Viel­falt der Natur be­geis­tert.

Faustus Tuschmann

Als ich im Gym­na­si­um erst­mals von der DNA hörte, war ich fas­zi­niert von der Tat­sa­che, dass jedes le­ben­di­ge Wesen diese Form des Erb­ma­te­ri­als trägt, sich ver­schie­dens­te Or­ga­nis­men aber so un­ter­schied­lich ent­wi­ckeln. Des­we­gen habe ich mich für die Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie ent­schie­den. Neueste Tech­no­lo­gi­en im Labor und bio­in­for­ma­ti­sche Me­tho­den er­mög­li­chen es heute, ein sys­te­ma­ti­sches Ver­ständ­nis davon zu be­kom­men, wie Leben und dessen Di­ver­si­tät auf mo­le­ku­la­rer Ebene ent­ste­hen.

Für meine Dok­tor­ar­beit würde ich mich gerne mit Epi­ge­ne­tik be­fas­sen – und ihrer Rolle bei der Ent­ste­hung neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­ver Er­kran­kun­gen. Dieses noch sehr junge For­schungs­feld un­ter­sucht che­mi­sche Ver­än­de­run­gen auf der DNA, die ihre Grund­struk­tur nicht ver­än­dern, sondern nur leicht mo­di­fi­zie­ren und be­ein­flus­sen, wie die Zelle sie liest. Solche epi­ge­ne­ti­schen Mo­di­fi­ka­tio­nen können in Re­ak­ti­on auf Ver­än­de­run­gen in der Umwelt pas­sie­ren.

Die Methode des epi­ge­ne­ti­schen Editing erlaubt es, präzise Ver­än­de­run­gen am Erbgut vor­zu­neh­men, die nicht vererbt werden, sondern nur in­ner­halb einer Ge­nera­ti­on be­stehen. Trägt ein Schad­stoff in der Luft etwa zu Neu­ro­de­ge­ne­ra­ti­on bei, könnte man die zu­grun­de­lie­gen­den epi­ge­ne­ti­schen Me­cha­nis­men ent­schlüs­seln und mit epi­ge­ne­ti­schem Editing den Nor­mal­zu­stand der be­trof­fe­nen Neu­ro­nen wieder her­stel­len. Das er­öff­net kom­plett neue Mög­lich­kei­ten für die The­ra­pie­ent­wick­lung, die ich mit­ge­stal­ten möchte.

Bei meiner For­schung ist es mir sehr wichtig, un­vor­ein­ge­nom­men zu bleiben. Selbst wenn der Groß­teil der Studien, die schon gemacht wurden, gegen eine These spre­chen, sollte man sich eine eiserne Of­fen­heit be­wah­ren. Das ist nicht immer leicht, aber es lohnt sich neu­gie­rig zu bleiben.

Faustus Tuschmann

Die Energie, um das Ganze durch­zu­zie­hen, beziehe ich vor allem aus meinem so­zia­len Umkreis und einer Menge Sport. Wenn mich das Nach­den­ken über Wis­sen­schaft mental richtig müde macht, dann tut es mir gut, mich im Fit­ness­stu­dio oder bei Running Clubs phy­sisch genauso zu er­schöp­fen. Und ich singe gerne. Im Chor der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg haben wir im letzten Se­mes­ter das Requiem von Verdi auf­ge­führt.

Faustus Tuschmann
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Faustus Tu­sch­mann stu­diert Mo­le­ku­la­re Bio­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg (MSc) mit einem Fokus auf Mo­le­ku­lar- und Zell­bio­lo­gie. Für seine Mas­ter­ar­beit forscht er am Deut­schen Krebs­for­schungs­zen­trum (DKFZ) in Hei­del­berg zum Glio­blas­tom. Zuvor war er am Scripps Re­se­arch In­sti­tu­te in San Diego und hat  Bio­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Hei­del­berg stu­diert (BSc). Er ist Student Grant-Sti­pen­di­at der Wübben Stif­tung 2025/26 sowie Alumnus der ersten Kohorte 2023/24.

Curious Minds Fra­ge­bo­gen

«Ich habe einen großen Teil meiner Kind­heit damit ver­bracht, die Natur draußen zu er­kun­den.»

In unserer Reihe „Curious Minds“ stellen wir Sti­pen­di­at:innen und Alumni der Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft vor, die mutig ihren eigenen Weg gehen. Faustus hat fünf Fragen zu seiner Mo­ti­va­ti­on und seinem Studium be­ant­wor­tet.

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Was hat deine Neugier am meisten geweckt?

Ich habe einen großen Teil meiner Kind­heit damit ver­bracht, die Natur draußen zu er­kun­den. Das weckte eine na­tür­li­che Neugier und eine an­hal­ten­de Fas­zi­na­ti­on dafür, wie sich Leben in seinen vielen Formen ent­fal­tet.

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Was sollten deiner Meinung nach alle über dein Studienfach wissen?

Die Bio­wis­sen­schaf­ten sind weit mehr als nur das Studium von Pflan­zen und Tieren – sie ver­ei­nen zahl­rei­che Dis­zi­pli­nen, um zu ver­ste­hen, wie Leben auf allen Ebenen funk­tio­niert, von ein­zel­nen Mo­le­kü­len bis hin zu ganzen Or­ga­nis­men.

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Wie kann dein Studienfach dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Das Ver­ständ­nis des Lebens auf mo­le­ku­la­rer Ebene treibt In­no­va­tio­nen in der Medizin, Land­wirt­schaft und Um­welt­wis­sen­schaft voran.

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Was hat dich zuletzt so sehr gefesselt, dass du die Zeit vergessen hast?

The Sea-Wolf von Jack London

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Welche Frage würdest du jeder Person stellen, wenn du könntest?

«Wofür brennst du lei­den­schaft­lich?»