U.S. Army personnel are sorting through stacks of German documents that were collected by war crimes investigators as evidence for the trial before the International Military Tribunal for the Prosecution of War Criminals in Nuremberg
©United States Ho­lo­caust Me­mo­ri­al Museum, cour­te­sy of Na­tio­nal Ar­chi­ves and Records Ad­mi­nis­tra­ti­on, College Park, Pho­to­gra­pher: Charles Alex­an­der, Source Record ID: 238-NTA-42
Pressemitteilung

Wie KI Ge­schich­te deutet: Neues Sandpit-Projekt er­forscht den Einsatz von KI bei der Aus­wer­tung der Archive der Völ­ker­mord-Tri­bu­na­le

Die Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft fördert im Rahmen ihres Sandpit-Pro­gramms zum Jah­res­the­ma „Big Data“ das Projekt „In­ter­pre­ting Atro­ci­ties at Scale: AI, In­ter­na­tio­nal Cri­mi­nal Trials, and the Making of History“. Das Vor­ha­ben bringt For­schen­de aus der Ge­schichts­wis­sen­schaft, dem in­ter­na­tio­na­len Straf­recht, den Digital Hu­ma­nities und der In­for­ma­tik zu­sam­men. Ziel ist es, anhand eines klar um­ris­se­nen For­schungs­felds zu un­ter­su­chen, wie Künst­li­che In­tel­li­genz die his­to­ri­sche Wis­sens­pro­duk­ti­on und Er­in­ne­rungs­kul­tur ver­än­dert.

Wie werten KI-Systeme große di­gi­ta­le Archive in­ter­na­tio­na­ler Straf­pro­zes­se aus und welche Folgen hat dies für das öf­fent­li­che Ver­ständ­nis his­to­ri­scher Ge­walt­ver­bre­chen? Um diese Frage zu be­ant­wor­ten, ana­ly­sie­ren die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler Archive der Nürn­ber­ger Pro­zes­se, des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs für das ehe­ma­li­ge Ju­go­sla­wi­en (ICTY) und des In­ter­na­tio­na­len Straf­ge­richts­hofs für Ruanda (ICTR). 

„Immer mehr Men­schen nutzen KI als In­for­ma­ti­ons­quel­le, doch bleibt unklar, wie diese Systeme his­to­ri­sche Quellen ver­ar­bei­ten und welche Nar­ra­ti­ve sie daraus ab­lei­ten“, sagt His­to­ri­ker Daniel Stahl, einer der beiden Spre­cher des Pro­jekts. In­ter­na­tio­na­le Straf­ver­fah­ren do­ku­men­tie­ren Er­eig­nis­se de­tail­liert, jedoch aus­schließ­lich aus ju­ris­ti­scher Sicht. „Wir wissen jedoch von vielen For­schungs­ar­bei­ten, dass kom­ple­xe his­to­ri­sche Rea­li­tä­ten nicht durch Pro­zess­ak­ten ab­ge­bil­det werden können und wir testen, wie KI-Systeme mit diesem Problem umgehen“, so Co-Spre­cher und His­to­ri­ker Roman Birke. Die For­schen­den wollen un­ter­su­chen, ob und wie KI-Modelle his­to­ri­sche Er­kennt­nis­se aus Ge­richts­do­ku­men­ten ge­win­nen, welche Ver­zer­run­gen ent­ste­hen und wie dies die Er­in­ne­rungs­kul­tur be­ein­flusst. 

Der Sandpit bringt Expert:innen aus ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen zu­sam­men, um ge­mein­sam eine Reihe von KI-Ex­pe­ri­men­ten durch­zu­füh­ren: Zum einen ana­ly­sie­ren sie, wie füh­ren­de KI-Modelle wie Chat-GPT, Claude und Gemini Wissen über in­ter­na­tio­na­le Straf­ver­fah­ren dar­stel­len. Zum anderen testen sie, wie eigens für den Sandpit ent­wi­ckel­te KI-Werk­zeu­ge Mil­lio­nen Seiten his­to­ri­scher Pro­zess­do­ku­men­te ver­ar­bei­ten und ob diese kom­ple­xe Zu­sam­men­hän­ge in­ner­halb der Quellen er­ken­nen können. 

Die Ex­pe­ri­men­te bilden die Basis für einen in­ter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­tausch im Sandpit-Format vom 14. bis 16. Sep­tem­ber 2026 in Nürn­berg. Der Teil­neh­mer­kreis ist in­ter­na­tio­nal, mit For­schen­den aus Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Irland, Lu­xem­burg, den Nie­der­lan­den und den USA. Das Projekt soll zu wis­sen­schaft­li­chen Fol­ge­ak­ti­vi­tä­ten führen, dar­un­ter eine be­gut­ach­te­te Pu­bli­ka­ti­on an der Schnitt­stel­le von Ge­schichts­wis­sen­schaft und Digital Hu­ma­nities sowie ein all­ge­mein­ver­ständ­li­cher Beitrag für die Öf­fent­lich­keit. 
 

Wis­sen­schaft­li­che An­sprech­part­ner

  • Daniel Stahl, Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Lehr­stuhl für Neueste Ge­schich­te und Zeit­ge­schich­te, Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-Nürn­berg, daniel.stahl@fau.de
  • Roman Birke, As­si­stant Pro­fes­sor in Modern Eu­ropean History, Dublin City Uni­ver­si­ty, roman.birke@dcu.ie

Über das Sandpit-Pro­gramm
Das Sandpit-Pro­gramm der Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft fördert neu­ar­ti­ge, in­ter­dis­zi­pli­nä­re For­schungs­an­sät­ze zu ge­sell­schaft­lich re­le­van­ten Zu­kunfts­the­men. In einem krea­ti­ven Work­shop-Format ent­wi­ckeln For­schen­de un­ter­schied­li­cher Dis­zi­pli­nen ge­mein­sam neue Per­spek­ti­ven, For­schungs­fra­gen und Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­te. 

Über die Stif­tung
Die Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft ist eine private För­der­stif­tung mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist es, den Wis­sen­schafts- und For­schungs­stand­ort Deutsch­land zu stärken, indem sie her­aus­ra­gen­de Wis­sen­schaft­ler:innen auf ver­schie­de­nen Kar­rie­re­stu­fen un­ter­stützt.