
Wie KI Geschichte deutet: Neues Sandpit-Projekt erforscht den Einsatz von KI bei der Auswertung der Archive der Völkermord-Tribunale
Die Wübben Stiftung Wissenschaft fördert im Rahmen ihres Sandpit-Programms zum Jahresthema „Big Data“ das Projekt „Interpreting Atrocities at Scale: AI, International Criminal Trials, and the Making of History“. Das Vorhaben bringt Forschende aus der Geschichtswissenschaft, dem internationalen Strafrecht, den Digital Humanities und der Informatik zusammen. Ziel ist es, anhand eines klar umrissenen Forschungsfelds zu untersuchen, wie Künstliche Intelligenz die historische Wissensproduktion und Erinnerungskultur verändert.
Wie werten KI-Systeme große digitale Archive internationaler Strafprozesse aus und welche Folgen hat dies für das öffentliche Verständnis historischer Gewaltverbrechen? Um diese Frage zu beantworten, analysieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Archive der Nürnberger Prozesse, des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und des Internationalen Strafgerichtshofs für Ruanda (ICTR).
„Immer mehr Menschen nutzen KI als Informationsquelle, doch bleibt unklar, wie diese Systeme historische Quellen verarbeiten und welche Narrative sie daraus ableiten“, sagt Historiker Daniel Stahl, einer der beiden Sprecher des Projekts. Internationale Strafverfahren dokumentieren Ereignisse detailliert, jedoch ausschließlich aus juristischer Sicht. „Wir wissen jedoch von vielen Forschungsarbeiten, dass komplexe historische Realitäten nicht durch Prozessakten abgebildet werden können und wir testen, wie KI-Systeme mit diesem Problem umgehen“, so Co-Sprecher und Historiker Roman Birke. Die Forschenden wollen untersuchen, ob und wie KI-Modelle historische Erkenntnisse aus Gerichtsdokumenten gewinnen, welche Verzerrungen entstehen und wie dies die Erinnerungskultur beeinflusst.
Der Sandpit bringt Expert:innen aus verschiedenen Disziplinen zusammen, um gemeinsam eine Reihe von KI-Experimenten durchzuführen: Zum einen analysieren sie, wie führende KI-Modelle wie Chat-GPT, Claude und Gemini Wissen über internationale Strafverfahren darstellen. Zum anderen testen sie, wie eigens für den Sandpit entwickelte KI-Werkzeuge Millionen Seiten historischer Prozessdokumente verarbeiten und ob diese komplexe Zusammenhänge innerhalb der Quellen erkennen können.
Die Experimente bilden die Basis für einen interdisziplinären Austausch im Sandpit-Format vom 14. bis 16. September 2026 in Nürnberg. Der Teilnehmerkreis ist international, mit Forschenden aus Deutschland, Großbritannien, Irland, Luxemburg, den Niederlanden und den USA. Das Projekt soll zu wissenschaftlichen Folgeaktivitäten führen, darunter eine begutachtete Publikation an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft und Digital Humanities sowie ein allgemeinverständlicher Beitrag für die Öffentlichkeit.
Wissenschaftliche Ansprechpartner
- Daniel Stahl, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, daniel.stahl@fau.de
- Roman Birke, Assistant Professor in Modern European History, Dublin City University, roman.birke@dcu.ie
Über das Sandpit-Programm
Das Sandpit-Programm der Wübben Stiftung Wissenschaft fördert neuartige, interdisziplinäre Forschungsansätze zu gesellschaftlich relevanten Zukunftsthemen. In einem kreativen Workshop-Format entwickeln Forschende unterschiedlicher Disziplinen gemeinsam neue Perspektiven, Forschungsfragen und Kooperationsprojekte.
Über die Stiftung
Die Wübben Stiftung Wissenschaft ist eine private Förderstiftung mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist es, den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland zu stärken, indem sie herausragende Wissenschaftler:innen auf verschiedenen Karrierestufen unterstützt.