#12 Ute Frevert
Ute Frevert, Historikerin und ehemalige Direktorin des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, hält am 27. Oktober 2022 am Marsilius-Kolleg in der Aula der Universität Heidelberg einen Vortrag über "Politik und Gefühl. Eine unheilige Allianz".
Die Annahme, dass Emotionen erst heute die Politik bestimmten, sei falsch, so lautet Freverts Einstiegsthese. Bereits im Absolutismus inszenieren sich Herrscher als gütige Landesväter, die ihre Untertanen mit Wärme und Zuneigung behüten. Im Liberalismus des 19. Jahrhunderts werden Emotionen dann als Teil des um Prinzipienfragen geführten politischen Streits wie Waffen eingesetzt. Diese Tendenz kulminiert in der Weimarer Republik, in der heftige Grundsatzdebatten über antagonistische Weltanschauungen geführt werden. Ganz anders verhält es sich mit dem Einsatz der Affekte in Diktaturen. Nationalsozialismus und Stalinismus zeigen, dass Herrscher-Stilisierungen auf emotionale Effekte zielen, die Massen bewegen und breite Identifizierung mit Führergestalten auslösen sollen. Die noch junge Bundesrepublik grenzt sich dagegen von den Massenaufmärschen des NS-Staat, so Frevert, durch programmatische Nüchternheit ab. Bis in die siebziger Jahre hinein verlaufen die parlamentarischen und medialen Debatten trotz gravierender Dissenspunkte, die zumal das Verhältnis zur DDR, die Entspannungspolitik und die Ostverträge betreffen, betont sachlich ab. Dass Politiker als "Gefühlsmanager" agieren, lässt sich in dieser Phase der Zeitgeschichte nur am Stil der Wahlkämpfe erkennen, bei denen es um die Bindung der Bürger an eine Partei geht. Anders als im Osten, der staatlich organisierte Massenveranstaltungen für eine große Emotionalisierung einsetzt, ist in der noch jungen Bundesrepublik die Straße kein Ort der politischen Inszenierung.
Das ändert sich erst Ende der siebziger und frühen achtziger Jahre mit der Friedensbewegung, die den Affekt der Angst als Triebkraft und Gestaltungsmittel für politische Auseinandersetzungen nutzt. Frevert spricht von einer "wohltemperierten Gefühlspolitik der Bürgergesellschaft", die in dieser Zeit, unterstützt durch die generelle Aufwertung der Emotionen im Zeichen einer neuen Subjektivität, praktiziert worden sei. Den vorherrschenden Konsens über die demokratischen Regeln bricht zunächst die radikale Linke mit ihren Widerstandsformen bis hin zum gewalttätigen Terror. Heute ist es vorwiegend die Rechte - AfD, Pegida-Bewegung, Reichsbürger -, die sich von demokratischen Werten lösen, keine Kompromisse akzeptieren und rein subjektive Ansprüche vertreten will. Die Entgrenzung gegenüber demokratischen Werten führt dazu, dass Gefühle als Vehikel für Gruppenidentität fungieren und den Status fundamentalistischer Werbung für nicht mehr auf Konsens setzende Positionen gewinnen können.
Ute Frevert schließt ihren Vortrag mit einem engagierten Plädoyer für Emotionen in der Politik, die nötig sind, weil es hier um existentielle, nicht allein rational verhandelbare Themen und Probleme geht. Die Grundfrage bleibt jedoch, wie man Gefühlsäußerungen einhegen und politisch sublimieren kann, ohne den Preis einer "Halbierung der Demokratie" (Rainer Forst) zu zahlen. Die Lösung besteht in der permanenten Weiterentwicklung unsere Debattenkultur, die Affekte zulassen, aber den Konsens über demokratische Werte nicht aufgeben darf. Nur so können wir, wie Ute Frevert formuliert, die demokratietaugliche Kraft der Gefühle stärken und zugleich ihre destruktive Dynamik abschwächen.
Peter-André Alt
Datum 27.10.2022
Sprache Deutsch
Länge 50 min
Titel, Reihe Politik und Gefühl, Marsilius-Vorlesung
Video Universität Heidelberg