Pylonen
©para.berlin
Marion MüllerOpinion

Mind the Gap

Plä­doy­er für mehr Mut bei Be­ru­fun­gen von Marion Müller

In­ter­na­tio­na­le Spit­zen­for­scher:innen stehen für Ex­zel­lenz und Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Um mög­lichst viele von ihnen für Deutsch­land zu ge­win­nen, müssen wir in­ter­na­tio­na­le Be­ru­fun­gen an den Uni­ver­si­tä­ten struk­tu­rell ver­an­kern. Nur so können sie vom Aus­nah­me­fall zur Regel werden. Ein Plä­doy­er von Marion Müller, Ge­schäfts­füh­re­rin der Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft

Be­grif­fe wie In­ter­na­tio­na­li­sie­rung und Welt­of­fen­heit sind in deut­schen Uni­ver­si­täts­stra­te­gi­en selbst­ver­ständ­lich. Slogans wie „Ex­cel­lence through Di­ver­si­ty“ und, ja, auch „Global Minds“ keine Sel­ten­heit. Das In­ter­es­se an den welt­weit Besten ist groß. Doch bei in­ter­na­tio­na­len Be­ru­fun­gen zeigt sich ein Paradox: Obwohl sie po­li­tisch und stra­te­gisch gewollt sind, bleiben sie die Aus­nah­me. 2023 betrug der Anteil aus­län­di­scher Pro­fes­sor:innen an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten gerade einmal 10,7 Prozent, wobei nicht dif­fe­ren­ziert wird zwi­schen Pro­fes­sor:innen, die durch in­ter­na­tio­na­le Re­kru­tie­rung aus dem Ausland ge­won­nen wurden, und solchen mit aus­län­di­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, die bereits im Land waren. Bezogen auf alle Hoch­schul­ar­ten, also auch Hoch­schu­len für An­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten, Kunst und Musik, war der Anteil mit 8 Prozent sogar noch deut­lich ge­rin­ger.

Zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit klafft eine Lücke, die den deut­schen Wis­sen­schafts­stand­ort lang­fris­tig schwä­chen könnte.

Trotz klarer Be­kennt­nis­se zur Be­deu­tung in­ter­na­tio­na­ler Talente bewegen wir uns bei Be­ru­fun­gen in struk­tu­rel­len Span­nungs­fel­dern: Wir streben Ex­zel­lenz an, be­stehen aber auf „ver­fah­ren­s­im­ma­nen­ter Gleich­be­hand­lung“ und „kul­tu­rel­ler Passung“. Wir wollen in­ter­na­tio­na­le Di­ver­si­tät, be­set­zen Be­ru­fungs­kom­mis­sio­nen jedoch oft homogen. Wir streben eine „Bes­ten­aus­le­se“ an, kennen die Besten aber oft schon vorher. Wir wollen faire Be­gut­ach­tun­gen, wählen als Gut­ach­ter:innen jedoch oft Wis­sen­schaft­ler:innen, die unsere Auswahl nicht in Frage stellen. Wir wollen eine Will­kom­mens­kul­tur, sind aber weit davon ent­fernt, in­ter­na­tio­na­len Ta­len­ten den Ein­stieg zu er­leich­tern. Wir wollen zügig berufen, doch unsere Ver­fah­ren dauern im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich oft lang. Dies alles be­nach­tei­ligt in­ter­na­tio­na­le Kan­di­dat:innen.

Die Folgen könnten für Deutsch­land weit­rei­chen­der sein, als uns lieb ist. An­ge­sichts des in­ten­si­ver wer­den­den glo­ba­len Wett­be­werbs um Hoch­qua­li­fi­zier­te können sich die mobilen Besten das at­trak­tivs­te Ziel­land aus­su­chen. Die OECD-Studie „In­di­ca­tors of Talent At­trac­tiveness“ von 2023 zeigt: Ge­win­ner sind Staaten, die aktiv um Hoch­qua­li­fi­zier­te werben und ihnen un­schlag­ba­re Ge­samt­pa­ke­te bieten. Die Chancen hoch­qua­li­fi­zier­ter aus­län­di­scher Aka­de­mi­ker:innen auf Jobs ent­spre­chend ihrer Kom­pe­tenz­pro­fi­le sind in Deutsch­land im Ver­gleich zu anderen er­folg­rei­chen OECD-Staaten weniger gut aus­ge­prägt. Wenn Deutsch­land zu den Ge­win­ner­län­dern gehören will, müssen wir in­ter­na­tio­na­le Be­ru­fun­gen kon­se­quent und stra­te­gisch angehen. Wichtig sind klare Ziel­set­zun­gen für die in­ter­na­tio­na­le Re­kru­tie­rung, in­ter­na­tio­nal an­schluss­fä­hi­ge Be­ru­fungs­ver­fah­ren sowie pro­fes­sio­nell auf­ge­stell­te Un­ter­stüt­zungs­struk­tu­ren.

Bessere Start­chan­cen für in­ter­na­tio­na­le Wis­sen­schaft­ler:innen

In­ter­na­tio­na­le Wis­sen­schaft­ler:innen brau­chen hier­zu­lan­de bessere Start­chan­cen. Dafür müssen wir ihre Be­dürf­nis­se in Ver­fah­ren und Pro­zes­sen von der Aus­schrei­bung bis zum Ver­trags­ab­schluss be­rück­sich­ti­gen, aber auch darüber hinaus, wenn sie an­kom­men, sich ein­ge­wöh­nen und mit ihrer For­schung be­gin­nen. Eine Ella Ex­zel­lent, die von Boston nach Bamberg wech­selt, muss ver­gleich­ba­re Start­vor­aus­set­zun­gen haben wie ein Boris Bril­li­ant, der von Bonn nach Bamberg berufen wird. Trotz des Sys­tem­wech­sels. In der Praxis hat das seine Tücken, doch es gibt zahl­rei­che Bei­spie­le an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die zeigen, wie in­ter­na­tio­na­le Be­ru­fun­gen er­folg­reich ver­lau­fen können.

Uni­ver­si­tä­ten müssen die or­ga­ni­sa­to­ri­schen, struk­tu­rel­len und kul­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen, damit in­ter­na­tio­na­le Spit­zen­be­ru­fun­gen zur Regel werden und ihre volle Wirkung ent­fal­ten können.

Marion Müller

Um all dies zu er­rei­chen, brau­chen wir eine ehr­li­che Debatte über in­ter­na­tio­na­le Be­ru­fun­gen und Mut zur Ver­än­de­rung. In­ter­na­tio­na­le Ex­zel­lenz setzt in­sti­tu­tio­nel­le Be­reit­schaft voraus: Uni­ver­si­tä­ten müssen die or­ga­ni­sa­to­ri­schen, struk­tu­rel­len und kul­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen, damit in­ter­na­tio­na­le Spit­zen­be­ru­fun­gen zur Regel werden und ihre volle Wirkung ent­fal­ten können. Wir be­nö­ti­gen trans­pa­ren­te Ver­fah­ren und Pro­zes­se, mehr­spra­chi­ge Ver­wal­tungs­struk­tu­ren und fle­xi­ble Kar­rie­re­we­ge. Aber auch eine Haltung, die In­ter­na­tio­na­li­tät nicht als Etikett, sondern als Res­sour­ce be­greift, sowie eine Will­kom­mens­kul­tur, die echte Teil­ha­be am ( nicht nur aka­de­mi­schen ) Leben in Deutsch­land er­mög­licht. So können deut­sche Uni­ver­si­tä­ten den An­spruch ein­lö­sen, in­ter­na­tio­nal offen und global wett­be­werbs­fä­hig zu sein. Lassen Sie uns die Lücke ge­mein­sam schlie­ßen!

Marion Müller
©Lena Gio­va­naz­zi

Marion Müller ist Ge­schäfts­füh­re­rin der Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft. Zuvor war sie zwölf Jahre Ge­schäfts­füh­re­rin der Ein­stein Stif­tung Berlin. Von 2006 bis 2010 leitete sie das Nord­ame­ri­ka-Büro der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft.