
Internationaler Experte bei Querschnittlähmungen wechselt nach Berlin
Jan Schwab hat am 1. Januar die neu geschaffene W3-Professur für Klinische und Experimentelle Paraplegiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin übernommen. Die Berufung erfolgt gemeinsam mit dem BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Damit verbunden ist die Ärztliche Leitung der Klinik für Rückenmarkverletzte/Paraplegiologie und experimentelle Paraplegiologie. Die Wübben Stiftung Wissenschaft hat diese Berufung mit ihrem Professuren-Programm zur Rekrutierung exzellenter Wissenschaftler:innen aus dem Ausland ermöglicht.
Die neue Professur ist integraler Bestandteil der strategischen Partnerschaft von Charité und ukb mit dem Ziel, ein international sichtbares Zentrum für Forschung, Lehre sowie die klinische Versorgung bei Rückenmarkverletzungen aufzubauen. Sie ist Charité-seitig mit der Klinik für Neurologie und Experimenteller Neurologie verknüpft und eng mit dem Centrum für Muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) vernetzt. Zur gemeinsamen Professur der Kooperationspartner betont Prof. Schwab: „Die neue klinisch und experimentell verankerte Professur wird als Katalysator wirken: Gemeinsam mit starken Partnern können wir mehr Fragen stellen, Hypothesen prüfen und Antworten bekommen, um schneller zu lernen. Die Kombination exzellenter medizinischer Versorgung rückenmarkverletzter Patient:innen am ukb in Verbindung mit der spitzenwissenschaftlichen Forschung an der Charité bieten dafür ideale Voraussetzungen und großes Potenzial. Ohne die Wübben Stiftung wäre dies nicht möglich gewesen.“
International ausgewiesener Experte kommt nach Berlin
Prof. Schwab war zuletzt Medizinischer Direktor des Belford Center for Spinal Cord Injury, Tenured Professor für Neurologie an der Ohio State University (USA) und hatte dort den William Hunt und Charlotte Curtis Lehrstuhl für Neurowissenschaften inne. Er zählt international zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Neuroimmunologie von Rückenmarkverletzungen. Seine Arbeiten zu immunologischen Fehlfunktionen nach Schädigungen des Rückenmarks wurden vielfach ausgezeichnet, darunter vom National Institutes of Health (NIH). Zur Verbindung von Klinik und Forschung konstatiert er: „Mit dem neu eingerichteten integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum für Rückenmarkverletzungen wird es möglich sein, Fragestellungen direkt aus der Klinik auf ihre zugrunde liegenden Mechanismen zu untersuchen. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen ist die logische Voraussetzung, um Rückenmarkverletzungen künftig kausaler und damit auch effektiver behandeln zu können.“ Er ergänzt: „In Verbindung mit der spezialisierten multidisziplinären Versorgung querschnittgelähmter Patient:innen eröffnet diese Professur neue Möglichkeiten, experimentelle Erkenntnisse rascher in qualitätsvolle, randomisierte klinische Studien zu überführen – mit dem klaren Ziel, die Behandlung nachhaltig zu verbessern.“
Bedeutender Impuls für die Paraplegiologie in Deutschland
Ziel der neuen Professur ist es, die neurologische und funktionelle Regeneration nach Rückenmarkverletzungen mit der Entwicklung neuartiger Therapieansätze zu verbessern. Hierfür werden klinisch relevante und beeinflussbare regenerationsbehindernde Mechanismen identifiziert – sogenannte ‚recovery confounders‘. Das Auftreten dieser Mechanismen soll minimiert werden, um die Regenerationskapazität des verletzten Rückenmarks zu schützen. Zusätzlich zur experimentellen Grundlagenforschung und der Entwicklung neuartiger Behandlungsstrategien stehen insbesondere die Translation in frühe klinische Studien sowie die Lehre und Nachwuchsförderung im Fokus. Die Einrichtung eines neuen Forschungs- und Behandlungszentrums für Rückenmarkverletzungen, die klinische und experimentelle Paraplegiologie, ist eine der bedeutenden Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in der deutschen akademischen Paraplegiologie.
Forschungsschwerpunkt: Neuroimmunologie und Regeneration
Ein zentraler Forschungsschwerpunkt des Neurologen sind Immunfehlfunktionen, die durch eine Rückenmarkverletzung verursacht werden und in der Folge den gesamten Körper betreffen können. So können Rückenmarkverletzungen nicht nur zu den charakteristischen Muskellähmungen und dem Verlust von sensiblem Empfinden führen, sondern auch zu einer systemischen Immunschwäche, die durch die ebenfalls gestörte Kommunikation zwischen Nervensystem und Immunsystem verursacht wird. Diese Immunschwäche erhöht wiederum das Risiko für schwere Infektionen wie Lungenentzündungen und Sepsis, die bis heute die Haupttodesursache darstellen, und behindert zudem aktiv die neurologische Regeneration. Prof. Schwab betont: „Querschnittlähmung bedeutet weit mehr als den Verlust von Beweglichkeit oder Gefühl. Sie wandelt sich von einer akuten Verletzung des Rückenmarks zu einer Fehlfunktion, die den gesamten Körper betreffen kann – die sogenannte ‚Spinal Cord Disease‘. Mit dem integrativen Ansatz rücken regenerationsbehindernde Komplikationen in den Fokus, um für die Patient:innen sowohl das Überleben als auch den neurologischen Funktionsgewinn zu schützen und zu verbessern.“
Kurzvita
Jan Schwab ist in Stuttgart geboren. Nach Abitur und Zivildienst studiert er Humanmedizin an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen, wo er nach Auslandsaufenthalten in Tel Aviv und New York auch 2000 in Medizin sowie 2003 an der Max-Planck Research School in Neurowissenschaften promoviert. 2004 erfolgt dort ebenso die Habilitation. Es folgen Forschungsaufenthalte in Paris (CNRS, Marie Curie EU-Fellowship) und als DFG-Stipendiat in Boston am Brigham and Women’s Hospital. An der Klinik für Neurologie und Experimentelle Neurologie der Charité absolviert er die neurologische Facharztausbildung, wo er zwischen 2007 und 2014 parallel als Gruppenleiter zu Rückenmarkverletzungen forscht. Von 2012 bis 2013 ist er als Oberarzt in der Abteilung für Rückenmarkverletzungen am ukb tätig. Im Jahr 2014 wird er auf den William Hunt und Charlotte Curtis Lehrstuhl an die Ohio State University (USA) berufen und leitet die Sektion für Rückenmarkverletzungen der dortigen Neurologie. 2016 übernimmt er als Programmdirektor die Leitung des Zentrums für die Forschung und Behandlung Rückenmarkverletzter eines nationalen US-Exzellenzprogramms. Er ist 2018 Gründungsmitglied des Belford Center for Spinal Cord Injury und fungiert seither als Medizinischer Direktor. Als Gründungsmitglied und Wissenschaftlicher Direktor berät er seit 2004 die internationale Wings for Life Stiftung für Rückenmarkforschung und verantwortet die strategische Entwicklung mit.
Über die Charité
Die Charité – Universitätsmedizin Berlin ist die gemeinsame Medizinische Fakultät von Freier Universität Berlin und Humboldt-Universität zu Berlin. Sie zählt mit rund 100 Kliniken und Instituten zu den größten Universitätskliniken Europas. Mit 3.293 Betten an den drei klinischen Campi versorgt die Charité jährlich rund 822.600 Patient:innen in Berlin und Brandenburg ambulant sowie rund 143.800 voll- und teilstationär.
Über das ukb
Das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) ist ein hoch spezialisiertes klinisches Zentrum zur Rettung und Rehabilitation von Erkrankten und Verletzten aus dem gesamten Bundesgebiet. In Spezialdisziplinen wie der Therapie von Brand-, Rückenmark- und Handverletzungen belegt das ukb auch international eine Spitzenposition. Jährlich werden mehr als 100.000 Patienten behandelt. Die Erstversorgung akut verletzter oder erkrankter Patient:innen erfolgt in einer der größten und modernsten Rettungsstellen Deutschlands. Das ukb gehört zur Unternehmensgruppe der BG Kliniken – dem größten nicht-universitären öffentlichen Krankenhauskonzern. Träger der BG Kliniken sind die gewerblichen Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.
Über die Wübben Stiftung Wissenschaft
Die Wübben Stiftung Wissenschaft ist eine private Förderstiftung mit Sitz in Berlin. Ihr Ziel ist es, den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland zu stärken, indem sie herausragende Wissenschaftler:innen auf verschiedenen Karrierestufen unterstützt. Mit ihren Professuren-Programmen fördert die Stiftung insbesondere herausragende Berufungen aus dem Ausland an deutsche Universitäten.