#11 Stefan Hell

Stefan Hell

Der No­bel­preis­trä­ger Stefan Hell, Phy­si­ker mit dem Spe­zi­al­ge­biet Mi­kro­sko­pie und Di­rek­tor des Göt­tin­ger Max-Planck-In­sti­tuts für die Mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Naturwissenschaf­ten, spricht am 25. März 2023 am "Zentrum für Kunst und Medien" in Karls­ru­he über die Frage "Wie man wis­sen­schaft­li­che Grenzen über­win­det". Hell lässt sein Pu­bli­kum sehr frei­mü­tig an seinem aka­de­mi­schen Wer­de­gang teil­ha­ben und bietet Ein­bli­cke in sein Selbst­ver­ständ­nis als Grund­la­gen­for­scher.

Auf­ge­wach­sen im deutsch­spra­chi­gen Sie­ben­bür­gen, kommt er nach dem Abitur, das er am selben Gym­na­si­um wie die Li­te­ra­tur­no­bel­preis­trä­ge­rin Herta Müller ablegt, in die Bun­des­re­pu­blik. Er stu­diert Physik in Hei­del­berg und be­schäf­tigt sich schon während der Pro­mo­ti­ons­zeit mit Pro­ble­men der Mi­kro­sko­pie. Das Elek­tro­nen­mi­kro­skop gilt seit län­ge­rem als höchs­ter tech­ni­scher Stan­dard für die op­ti­sche Durch­drin­gung kleins­ter Struk­tur­ele­men­te, schei­tert jedoch bei der Analyse le­ben­der Zellen - primär geht es um deren Pro­te­ine -, weil diese aus me­di­zi­ni­schen Gründen nicht ent­spre­chend für die Mi­kro­sko­pie vor­be­rei­tet werden können. Das ältere Licht­mi­kro­skop, das mit La­ser­strah­lung be­trie­ben wird und mit­hil­fe einer Linse die ge­wünsch­ten Objekte fo­kus­siert, kann hier bessere Dienste leisten, da die zu un­ter­su­chen­den Pro­te­ine durch Flu­or­zel­len mar­kiert und danach durch Licht sicht­bar gemacht werden können. Das Problem besteht jedoch darin, dass sich Licht wel­len­för­mig aus­brei­tet und stets nur größere Pro­te­in­bün­del und nie ein ein­zel­nes Protein her­vor­hebt.

Als Postdoc im fin­ni­schen Turku, wo man sich für Fragen der Licht­mi­kro­sko­pie anders als in Deutsch­land stärker in­ter­es­siert, gelingt Stefan Hell 1993 die we­sent­li­che Ent­de­ckung auf diesem Feld. Licht kann nicht nur be­stimm­te Struk­tu­ren er­fas­sen, sondern auch ab­blen­den. Wenn man den Licht­strahl auf das gesamte Pro­te­in­bün­del so ge­stal­tet, dass die Mehr­zahl der für die Un­ter­su­chung un­wich­ti­gen Zellen aus­ge­blen­det wird, dann kann man das ge­wünsch­te Protein iso­lie­ren und in­ner­halb der Licht­wel­le her­vor­he­ben. Mit dieser so­ge­nann­ten STAND-Technik lassen sich ohne allzu hohe Kosten La­ser­mi­kro­sko­pe bauen, die Pro­te­ine trenn­scharf ana­ly­sie­ren, wie es mit der Elek­tro­nen­mi­kro­sko­pie nicht möglich ist; für die Krebs­for­schung wird das ein wich­ti­ger Mei­len­stein.

Stefan Hell braucht viele Jahre, ehe er die Fach­welt von seiner Er­fin­dung über­zeu­gen kann. Längere Zeit hat er keine Stelle, lebt unter pre­kä­ren Be­din­gun­gen, reist auf eigene Kosten zu Kon­gres­sen und stellt ver­ge­bens För­der­an­trä­ge. Erst in der zweiten Hälfte der neun­zi­ger Jahre wird er nach der Ha­bi­li­ta­ti­on als Grup­pen­lei­ter an das Max-Planck-In­sti­tut in Göt­tin­gen berufen und 2002 dort zum Di­rek­tor ernannt. Mo­ti­vie­rend sei für ihn, so sagt er rück­bli­ckend, vor allem das Gefühl gewesen, das zu tun, was ihn in­tel­lek­tu­ell am meisten be­frie­dig­te, auch wenn seine For­schung zeit­wei­lig keine Re­so­nanz fand. Zwei Bot­schaf­ten stehen am Schluss seines Vor­trags: Auch in der Wis­sen­schaft ist es manch­mal schwie­rig, fest­ge­fah­re­ne Vor­ur­tei­le zu über­win­den, indem man neue Wege be­schrei­tet. Und: Nur die von Neu­gier­de ge­trie­be­ne Grund­la­gen­for­schung sorgt für Durch­brü­che, die sich am Ende auch wirt­schaft­lich ren­tie­ren. Wer allein von der Ebene der Zwecke aus denkt und seine Ziele bloß über den mög­li­chen Nutzen de­fi­niert, ist dagegen weniger kreativ.

Curious Minds Make a Dif­fe­rence - das Motto der Wübben Stif­tung Wis­sen­schaft wird durch den No­bel­preis­trä­ger Stefan Hell be­stä­tigt!

Peter-André Alt

Datum 25.03.2023
Sprache Deutsch
Länge 62 min 
Titel, Reihe Hans Magnus En­zens­ber­ger zu Gast bei Helmut Mark­wort, Re­nais­sance 3.0
Video ZKM Karls­ru­he