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Internationale Talente sind entscheidend für die Innovationskraft eines Wissenschaftsstandorts. Ein Blick auf Strategien in den Niederlanden, Australien und der Schweiz zeigt, welche politischen Weichenstellungen, Anreize und Reformen den globalen Wettbewerb um Spitzenkräfte mit entscheiden
In den letzten 20 Jahren haben Universitäten weltweit immer mehr internationale Forschende und Lehrende angeworben – aus gutem Grund. Studien zeigen: Wissenschaftler:innen mit internationaler Erfahrung sind produktiver und knüpfen leichter Kooperationen im Ausland. Internationale Forschende vermitteln Studierenden neue Perspektiven und bereiten sie auf eine zunehmend globalisierte Welt vor. Wer die besten Talente gewinnen will, muss über Landesgrenzen hinausblicken.
Im Jahr 2023 beschäftigte Deutschland etwas mehr als 4.000 internationale Professor:innen, was jedoch gerade mal 8 Prozent der gesamten Professorenschaft an Universitäten, Fachhochschulen und Kunsthochschulen ausmacht. Zählt man das gesamte wissenschaftliche Personal, liegt der Anteil bei 15 Prozent. Zum Vergleich: In den Niederlanden und Australien liegt dieser Anteil bei fast 50 Prozent. An Schweizer Universitäten haben 45 Prozent aller akademischen Angestellten einen ausländischen Pass.
Was macht diese Länder so erfolgreich in der Internationalisierung? Ein Patentrezept gibt es sicherlich nicht: Es braucht Reformen und politische Veränderungen auf allen Ebenen. Erfolgreiche Universitäten setzen unter anderem auf gezielte Rekrutierung im Ausland und die Unterstützung von Dual-Career-Paaren. Nationale Maßnahmen wie international wettbewerbsfähige Vergütungspakete, vereinfachte Visaverfahren oder englischsprachige Studiengänge schaffen den Rahmen. Und manchmal resultiert ein hoher Anteil internationaler Wissenschaftler:innen auch aus politischen Entscheidungen in anderen Bereichen, beispielsweise aufgrund einer Ausweitung der Angebote für internationale Studierende, die dann im Hochschulsystem bleiben.
Wir haben Expert:innen aus drei Ländern mit besonders hohem Anteil internationaler Wissenschaftler:innen gefragt, wie es ihren Universitäten gelungen ist, globale Talente anzuziehen, und welche Lehren sich daraus für Deutschland ergeben.
Niederlande — Pragmatismus und politischer Wille
Kaum ein Land hat sein Hochschulsystem so entschlossen internationalisiert wie die Niederlande. Seit 2003 hat sich die Zahl der nicht-heimischen Mitarbeitenden an den Universitäten des Landes mehr als verdoppelt; an einigen beträgt sie mittlerweile über 60 Prozent. Evelien Hack arbeitet als Teamleiterin für Strategie und Innovation bei Nuffic, der niederländischen Agentur für Internationalisierung im Bildungswesen. Sie sagt, der Erfolg des Landes sei vor allem auf die praxisorientierte und unternehmerische Kultur sowie den nötigen politischen Willen zurückzuführen.
Die politischen Entscheidungsträger:innen in den Niederlanden setzen seit Jahrzehnten auf die gezielte Anwerbung internationaler Wissenschaftler:innen. Für ein Land mit 18 Millionen Menschen ist dies eine pragmatische Entscheidung. „Als kleines Land sind wir auf die Außenwelt angewiesen, also geben wir unseren Studierenden so viele Werkzeuge wie möglich an die Hand, um international erfolgreich zu sein“, sagt Hack.
Ein entscheidender Schritt war die Einführung englischsprachiger Forschungsprogramme und Curricula. Viele Masterprogramme werden heute ausschließlich auf Englisch angeboten. Das hat internationale Studierende angezogen und gleiche Chancen für Kandidat:innen aus dem Ausland geschaffen, die auf Englisch unterrichten. Gleichzeitig stieg der Bedarf an internationalen Lehrenden. „In den letzten 25 Jahren war es daher wirklich einfach, auch die Forschungsprogramme auf Englisch umzustellen“, sagt Hack. Kritik am Kulturverlust blieb gering, auch wenn der Widerstand in den vergangenen Jahren zugenommen hat. „Unsere Traditionen bestehen, aber wir sind eben pragmatisch: Wenn wir die Zahlen der Studierenden steigern können, dann tun wir es.“
Evelien Hack hebt auch die Bedeutung der steuerlichen Vorteile („Expat“-Steuergesetze) für hochqualifizierte Zuwander:innen hervor. Bis vor Kurzem mussten Spitzenverdienende in den ersten fünf Jahren nur einen Teil ihres Einkommens versteuern. Steuervergünstigungen senkten auch die Kosten für den Kauf eines Hauses für Migrant:innen. Beide Maßnahmen wurden entwickelt, um die Hürden für einen Neuanfang in den Niederlanden zu senken. „Es war darauf ausgerichtet, Professor:innen die Einreise und den Aufenthalt attraktiv zu machen“, sagt Hack. „Zudem erhält man viel schneller ein Visum. All dies sind nationale Vorgaben, um die Anwerbung von Wissenschaftler:innen zu erleichtern.“
Niederländische Universitäten veröffentlichen ihre Stellenangebote auf internationalen Portalen, und die Gehälter, die sie anbieten, sind mit denen in vergleichbaren Ländern konkurrenzfähig. Zudem gibt es gezielte Angebote für Dual-Career-Paare. „Man hat erkannt, dass dies ein Hindernis darstellte, und gezielt auch die Ehepartner:innen unterstützt“, sagt Hack. Das Ergebnis all dieser Bemühungen kann sich sehen lassen: In einigen Bereichen – etwa Ingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften und Naturwissenschaften – liegt der Anteil internationaler Wissenschaftler:innen und Mitarbeitender zusammengenommen bei weit über 50 Prozent. Das Land hat davon profitiert. Niederländische Universitäten sichern sich überproportional viele europäische Forschungsgelder. 2025 belegten sie bei den Fördermitteln des Europäischen Forschungsrats (ERC) den dritten Platz hinter deutlich größeren Ländern wie Deutschland und Großbritannien. Ein Grund dafür ist, dass ihre Wissenschaftler:innen auf dem gesamten Kontinent gut vernetzt sind.
Es reicht nicht aus, internationalen Talenten das Kommen zu erleichtern – es ist ebenso wichtig, ihren Aufenthalt attraktiv zu gestalten.
Was das niederländische Beispiel auch zeigt: Es reicht nicht aus, internationalen Talenten das Kommen zu erleichtern – es ist ebenso wichtig, ihren Aufenthalt attraktiv zu gestalten. In ihrer Funktion als Teamleiterin für Strategie und Innovation bei Nuffic befragt Hack häufig Professor:innen dazu, warum sie sich entschieden haben, in den Niederlanden zu bleiben. Viele nennen die akademische Freiheit, die egalitäre Kultur und die ausgewogene Einstellung des Landes zur beruflichen Laufbahn. „Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist etwas, das viele Professor:innen zu schätzen wissen“, sagt Hack.
Australien — internationale Netzwerke und gezielte Rekrutierung in Asien
Anders als in den Niederlanden ist die Internationalisierung der Universitäten in Australien eng mit der Migrationspolitik verknüpft. Das Land bemüht sich seit Langem, qualifizierte Einwander:innen anzuwerben und zu halten.
Bis 1939 war das Hochschulsystem klein und stark vom britischen Kolonialerbe geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich dies: Jüdische Wissenschaftler:innen aus Europa fanden Zuflucht in Australien, zusammen mit einer Flut von Nachkriegsflüchtlingen aus Mittel- und Osteuropa. In den letzten Jahrzehnten kamen vor allem Migrant:innen aus benachbarten asiatischen Ländern wie China und Vietnam hinzu, darunter auch viele Akademiker:innen.
In einem kürzlich erschienenen Artikel argumentierte Anthony Welch, Professor für Erziehungswissenschaften an der University of Sydney, dass ein wichtiger Grund für Wissenschaftler:innen, nach Australien zu kommen, die Bezahlung sei. Tendenziell liegt sie über den Gehältern für Professor:innen in anderen englischsprachigen Ländern wie Kanada und Großbritannien. Sie ist auch höher als in benachbarten asiatischen Ländern, für deren Bevölkerung Australien ein begehrtes Einwanderungsziel ist.
Die englischsprachigen Wurzeln des Systems erleichtern zudem die Integration in Netzwerke nach US- und UK-Vorbild. Fast ein Drittel der australischen Akademiker:innen hat entweder in den USA oder in Großbritannien promoviert.
„Großbritannien, die USA und Australien haben ähnliche Praktiken und Bildungstraditionen und ein hohes Maß an Austausch und Abstimmung“, sagt Chris Ziguras, Direktor des Zentrums für Hochschulforschung an der University of Melbourne. „Wir sind zwar sehr international, aber ein Großteil unserer Zusammenarbeit findet mit anderen englischsprachigen Ländern statt.“
Für Länder wie Deutschland ist eine solch enge Verzahnung mit den Hochschulsystemen der USA und Großbritanniens kaum vorstellbar. „Deutsche Universitäten haben ihre eigene interne Logik, und die Tiefe des Systems und seine Geschichte erschweren die Internationalisierung“, betont Ziguras.
In den letzten Jahren haben australische Universitäten verstärkt den asiatischen Raum ins Visier genommen. „ Politiker:innen haben die Universitäten und Schulen ermutigt, sich in Asien zu engagieren“, sagt Ziguras. Viele Universitäten unterhalten Standorte in Indien, China, Indonesien und anderen Ländern, die das Profil der australischen Universitäten schärfen und Möglichkeiten zur Rekrutierung und Zusammenarbeit mit internationalen Wissenschaftler:innen verbessern. Und von den Hunderttausenden internationalen Studierenden, die zum Studium nach Australien kommen, bleiben einige und schlagen eine akademische Laufbahn ein. Insgesamt sind die Ergebnisse bemerkenswert. 2026 waren 45 Prozent des australischen Hochschulpersonals im Ausland geboren – fast doppelt so viele wie im Bevölkerungsdurchschnitt.
Doch die öffentliche Meinung zur Einwanderung hat sich – ähnlich wie in den USA – gewandelt. Die Regierung hat die Universitäten kürzlich dazu aufgefordert, ihre internationale Rekrutierung zurückzufahren und die Gebühren für Studentenvisa zu erhöhen. „Das eröffnet Chancen für andere Länder“, sagt Chris Ziguras von der University of Melbourne.
Die Schweiz — internationale Spitzenkräfte als Teil des Selbstverständnisses
In der Schweiz hingegen ist Einwanderung eher eine Nebensache, wenn es darum geht, internationale Wissenschaftler:innen oder Studierende anzuwerben. Das sagt Hans-Dieter Daniel, Psychologe und Hochschulforscher an der ETH Zürich. Er wurde in Deutschland ausgebildet und war fast zwei Jahrzehnte lang Leiter des Evaluationsbüros der Universität Zürich. Daniel argumentiert, dass die Unterstützung für die Rekrutierung internationaler Professor:innen stattdessen in der Überzeugung der Schweizer:innen begründet liegt, die besten Talente für das Land gewinnen zu wollen. „In Deutschland ist das anders“, sagt er.
Um eine wirklich globale Auswahl sicherzustellen, werden in der Schweiz internationale Fachgutachterinnen und -gutachter in Berufungsverfahren einbezogen.
„Wenn Stellen frei werden, ist zwar immer die Rede davon, die Besten auswählen zu wollen, aber wenn man sich den Einstellungsprozess ansieht, geht es in Wirklichkeit darum, die besten Deutschen auszuwählen.“ Um eine wirklich globale Auswahl sicherzustellen, werden in der Schweiz internationale Fachgutachterinnen und -gutachter in Berufungsverfahren einbezogen.
Dabei hilft es, dass die wenigen Universitäten des Landes gut finanziert sind, über reichlich Ressourcen und personelle Unterstützung für Professor:innen verfügen, ihre Budgets stetig aufstocken und sich auf Spitzenforschung konzentrieren. Zudem sei das Schweizer Hochschulsystem stärker forschungsorientiert, „während der Schwerpunkt in Deutschland auf der Lehre liegt“, betont Daniel.
Für ein Land mit einem Zehntel der Bevölkerung Deutschlands sind die Erfolge enorm. Drei der Schweizer Universitäten zählen zu den Top 100 weltweit im QS World University Ranking 2026, während nur fünf deutsche Universitäten dazugehören. Die ETH Zürich gilt zudem als eine der zehn besten Universitäten weltweit. „Das ist sehr wichtig für das Selbstverständnis der Schweizer Bevölkerung“, sagt Daniel. Im Jahr 2004 kamen etwas mehr als 40 Prozent der Universitätsprofessor:innen des Landes aus dem Ausland, heute bereits mehr als die Hälfte.
Von welchen Strategien kann Deutschland profitieren?
In vielerlei Hinsicht versucht Deutschland aufzuholen. Doch während sich die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeitenden mit internationalem Lebensweg an deutschen Universitäten seit 2012 fast verdoppelt hat, ist die Zahl der Professor:innen aus dem Ausland nach wie vor relativ gering.
Laut Daniel gäbe es zahlreiche Ansatzpunkte für Verbesserungen: Öffentlich finanzierte Universitäten in Deutschland hätten zwar oft nicht die Mittel, um mit national finanzierten Spitzenuniversitäten in anderen Ländern mitzuhalten. Die Übernahme von Strategien aus den Niederlanden – etwa weniger Bürokratie und mehr englischsprachige Lehrangebote – könnte die Attraktivität Deutschlands für ausländische Wissenschaftler:innen jedoch deutlich verbessern.
Zudem könnte es ein wichtiger Schritt sein, Wege zu finden, um Studierende und Nachwuchswissenschaftler:innen als Lehrkräfte und Forschende im Hochschulsystem zu halten, wie dies in Australien der Fall ist. Über DAAD- und Alexander-von-Humboldt-Stipendien finanziert Deutschland beispielsweise Tausende internationale Graduierte und Postdoktorand:innen. Noch mehr internationale Talente arbeiten an den renommierten Max-Planck-Instituten und anderen global wettbewerbsfähigen Forschungseinrichtungen. Aber nur sehr wenige dieser klugen Köpfe gehen im weiteren Verlauf ihrer Karriere an deutsche Universitäten, um dort zu lehren und zu forschen. „Warum werden nicht mehr Postdoktorand:innen aus Max-Planck-Instituten auf Professuren berufen? Sie verstehen und sprechen oft bereits Deutsch und kennen die Kultur“, betont Daniel. „Die akademischen Karrierewege sollten in Deutschland durchlässiger werden.“
Andrew Curry ist ein preisgekrönter Journalist und berichtet aus fünf Kontinenten unter anderem über Wissenschaft und Politik. Seine Beiträge erscheinen in Publikationen wie Science oder The New York Times.