
Money as a Decisive Factor
Wohin zieht es die klügsten Köpfe und weshalb? Der Hochschulforscher Simon Marginson von der University of Oxford beobachtet die sich wandelnde Weltkarte der akademischen Exzellenz und die Folgen für die internationale Mobilität von Wissenschaftler:innen. Im Interview mit Global Minds erklärt er auch, wie Deutschland es schaffen könnte, seine intellektuellen Stärken in globale Anziehungskraft zu verwandeln
Herr Marginson, Sie beobachten das globale Wissenschaftssystem seit vielen Jahren — wie haben sich die Kräfteverhältnisse in den letzten 20 Jahren verschoben?
Vieles hat sich gewandelt. Bis 2005 dominierte das US-amerikanische Wissenschaftssystem fast uneingeschränkt. In Europa stärkten die EU-Rahmenprogramme die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und damit die Forschungsuniversitäten. Europas Position in der hochzitierten Forschung verbesserte sich. Gleichzeitig stieg China rasant auf. Der Grund: Ein 1998 gestartetes Förderprogramm, das universitäre Ambitionen mit staatlicher Strategie und massiven Investitionen verband. Bereits 2005 waren Fortschritte sichtbar. Singapur folgte einem ähnlichen Weg. Damals glaubten viele im Westen nicht, dass ostasiatische Wissenschaft mit Europa oder den USA konkurrieren könnte – trotz klarer Anzeichen.
Wie hat sich die akademische Mobilität in den USA und Europa entwickelt?
Die USA zogen lange Zeit Talente aus aller Welt an, auch aus Europa und dem Globalen Süden. Ihre privaten Forschungsuniversitäten waren wirtschaftlich stark und galten über Jahrzehnte als Anziehungspunkt für internationale Forschende. Doch heute sind die USA deutlich verschlossener. Einwanderungsbeschränkungen, besonders unter Trump, senden negative Signale. Allein in den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres verloren 8.000 internationale Studierende ihre Visa. Immer mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler denken über einen Weggang nach – einige setzen ihn um. Europa zeigt sich im Vergleich offener. Die EU-Rahmenprogramme haben länderübergreifende Forschungsteams etabliert und die Freizügigkeit innerhalb der EU erleichtert Mobilität. Länder wie Deutschland, die Niederlande, die Schweiz und Dänemark profitieren davon.
Und Großbritannien?
Vor dem Brexit war Großbritannien ein Magnet für europäische Talente. Doch nach 2020 änderte sich das deutlich. EU-Bürgerinnen und -Bürger kamen seltener, die Zahlen der Masterstudierenden, die seither die vollen Gebühren entrichten müssen, und der Promovierenden aus der EU sanken drastisch, ebenso die Rekrutierung für Lehr- und Forschungsstellen. Heute liegt die Zahl der EU-Doktorandinnen, -Doktoranden und Postdocs bei der Hälfte des früheren Niveaus. Eine restriktivere Migrationspolitik könnte diesen Trend verschärfen. Die Partei Reform UK, die derzeit in Umfragen führt, plant, die unbefristete Aufenthaltserlaubnis abzuschaffen, jährliche Visaverlängerungen einzuführen und hohe Gehaltsschwellen für den Verbleib im Land zu verlangen. Das würde viele Forschende vertreiben – und Deutschland sowie anderen europäischen Ländern Chancen eröffnen, Talente zu gewinnen.
Hat Chinas Aufstieg zu mehr internationalen Forschenden geführt?
Betrachtet man die Publikationsdaten, so ist der Einfluss der chinesischen Forschenden enorm: Rund 45 Prozent aller weltweiten Publikationen enthalten mindestens einen chinesischen Namen, wobei hierbei sowohl chinesische Staatsangehörige als auch Forschende chinesischer Herkunft im Ausland gezählt werden. Das ist bemerkenswert. Die Abwanderung aus China verlangsamt sich derzeit, doch angesichts der Bevölkerungsgröße bleibt die Zahl der im Ausland Studierenden immer noch hoch. Die Mehrheit der Promovierten kehrt inzwischen jedoch zurück.
China fördert die Rekrutierung nicht-chinesischer Forschender durch Promotionsstipendien, vor allem für Afrika und den Globalen Süden. Führende Universitäten wollen mehr nicht-chinesische Professorinnen und Professoren einstellen, doch die Sprachbarriere bleibt ein Hindernis. Chinesisch erfordert jahrelanges Lernen, was die Mobilität begrenzt. Auslandschinesen lassen sich weitaus leichter rekrutieren.
Welche Länder sind ebenfalls auf dem Vormarsch?
Singapur investiert gezielt und hat sich im kleineren Maßstab als herausragender Forschungsstandort etabliert. Kanada könnte vom weniger einladenden Image der USA profitieren, hat jedoch die Rekrutierung ausländischer Studierender reduziert, was die Anziehungskraft auf Promovierende und Forschende mindert. Die Entwicklung in Indien erfolgt immer noch in Zeitlupe. Die Wirtschaft wächst schneller als das fragmentierte und unterfinanzierte Hochschulsystem. Spitzenkräfte wandern weiterhin ins Ausland ab. Früher oder später werden sich das Hochschul- und das Wissenschaftssystem Indiens jedoch weiterentwickeln.
Internationalisierung erweitert den Talentpool oft um ein Vielfaches. Das ist ihr eindeutiger Mehrwert und allein dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Exzellenz.
Welche Argumente gibt es denn für Internationalisierung — steigert sie Forschungsqualität?
Die Antwort lautet: ja und nein. Die Realität entzieht sich einer eindeutigen Verallgemeinerung. Durchbrüche entstehen oft aus enger, lokaler Zusammenarbeit. Wenn Menschen in derselben Institution arbeiten und Kultur teilen, es ein starkes gemeinsames Wissen gibt sowie ein großes gegenseitiges Vertrauen, dann fließen interdisziplinäre Ideen leichter. Andere Innovationen, insbesondere innerhalb desselben Fachgebiets, profitieren von internationaler Vielfalt. Die Arbeit über kulturelle Grenzen hinweg kann Annahmen hinterfragen und neue Ideen anstoßen.
Internationalisierung erweitert zudem den Talentpool oft um ein Vielfaches. Das ist ihr eindeutiger Mehrwert und allein dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Exzellenz. Der entscheidende Punkt ist: Wissenschaft und Forschung sind ihrem Wesen nach universell. Wenn man die internationale Vernetzung verliert, stagniert man letztlich. Selbst wenn Durchbrüche lokal erzielt werden, was in großen Forschungssystemen oft der Fall ist, ist es entscheidend, global vernetzt zu bleiben.
Hat Deutschland die Voraussetzungen, ein Magnet für globale Talente zu werden?
Die Exzellenzinitiative hat die egalitäre Logik des deutschen Systems nicht überwunden: Jede Universität soll gut sein, jede Promotion stark. Diese Tradition ist robust, aber unterfinanziert. Der Föderalismus, der oft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinausläuft, bremst zusätzlich. Eine deutliche Erhöhung der Grundfinanzierung würde die Universitäten stärken, sowohl als eigenständige Institutionen als auch in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft. Es besteht kein Zweifel: Deutschland verfügt über das Talent und die organisatorische Fähigkeit, ein dynamisches Kraftzentrum zu werden. Doch ohne deutlich umfangreichere Finanzierung bleibt das Potenzial ungenutzt. Letztlich lenkt Geld die globalen Talentströme – vorausgesetzt, die Migrationsregeln erlauben Mobilität.
Menschen reagieren sensibel auf Gehaltssignale – oft stärker, als sie sollten.
Welche Hürden sehen Sie für internationale Bewerberinnen und Bewerber in Deutschland?
Die Sprache ist sicherlich die größte Barriere. Anglophone Forschende lernen selten andere Sprachen. Auch die starren Gehaltsstrukturen mindern die Wettbewerbsfähigkeit. Die USA können Spitzenkräfte mit flexiblen Gehältern locken, Deutschland nicht. Der entscheidende Faktor für das Anwerben von Spitzenkräften bleibt Geld und dessen strategischer Einsatz. Britische Einrichtungen konnten beispielsweise nach dem Brexit 2016, oder auch nachdem Trump die amerikanischen Universitäten angegriffen hatte, keine Amerikaner anwerben, weil die britischen Gehälter nur 60 Prozent des US-Niveaus betragen. Menschen reagieren sensibel auf Gehaltssignale – oft stärker, als sie sollten.
Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass deutsche Universitäten beim Werben um internationale Talente die deutschen Vorzüge wie die akademische Freiheit oder den Beamtenstatus für Professoren hervorheben.
Welche Rolle spielen die Berufungsprozesse?
Man braucht eine wirklich weltoffene „Eingangstür“: Internationale Mitglieder in Auswahlkommissionen, sichtbar leistungsbasierte Verfahren und ein Umfeld, das Offenheit vermittelt. Eine zunehmende Zahl internationaler Einstellungen kann mit der Zeit die Rekrutierungskultur verändern. Zudem erschweren die Sprachvorgaben bei der Lehre die Rekrutierung: Wenn Studierende im Grundstudium Anspruch auf Lehre auf Deutsch haben, erhöht die Einstellung einer Person ohne ausreichende Deutschkenntnisse die Arbeitsbelastung der anderen. Das macht Kommissionen risikoavers.
Welche Schritte sollte Deutschland unternehmen, um Talente anzuziehen?
Aus meiner Sicht sollten drei wichtige Themen im Fokus stehen. Erstens: Deutschland müsste die Mobilitätsförderung ausbauen – etwa durch Wohnkostenzuschüsse, Umzugshilfen und Inte-grationsangebote wie Sprachkurse und Familienunterstützung. Das würde die Menschen enorm motivieren, nach Deutschland zu kommen. Zweitens sollten Dual-Career-Optionen geschaffen werden. Die USA sind in dieser Hinsicht führend. Sinnvolle Jobs für Partnerinnen und Partner erleichtern akademischen Familien den Umzug. Drittens braucht es eine Anschubfinanzierung für Forschende. Startförderung gibt Neuberufenen Zeit, sich zu etablieren und sich um größere Stipendien zu bewerben. Deutschland ist intellektuell und gesellschaftlich sehr attraktiv, doch es strahlt nicht auf den ersten Blick. Eine starke Mobilitätsförderung könnte das ändern.
Simon Marginson ist Professor für Hochschulbildung an der University of Oxford und war Direktor des Centre for Global Higher Education in Oxford. Seine Forschungsschwerpunkte sind globale Hochschulbildung, Universitäten, Wissenssysteme, Chancengerechtigkeit und öffentliche Politik mit Fokus auf Globalisierung und Universitäten als öffentlichem Gut.