Simon Marginson
©Uni­ver­si­ty of Oxford
Interview
Simon Mar­gin­sonNr. 1/2026

Money as a Decisive Factor

Wohin zieht es die klügs­ten Köpfe und weshalb? Der Hoch­schul­for­scher Simon Mar­gin­son über aka­de­mi­sche Mo­bi­li­tät

Wohin zieht es die klügs­ten Köpfe und weshalb? Der Hoch­schul­for­scher Simon Mar­gin­son von der Uni­ver­si­ty of Oxford be­ob­ach­tet die sich wan­deln­de Welt­kar­te der aka­de­mi­schen Ex­zel­lenz und die Folgen für die in­ter­na­tio­na­le Mo­bi­li­tät von Wis­sen­schaft­ler:innen. Im In­ter­view mit Global Minds erklärt er auch, wie Deutsch­land es schaf­fen könnte, seine in­tel­lek­tu­el­len Stärken in globale An­zie­hungs­kraft zu ver­wan­deln

Herr Mar­gin­son, Sie be­ob­ach­ten das globale Wis­sen­schafts­sys­tem seit vielen Jahren — wie haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se in den letzten 20 Jahren ver­scho­ben?

Vieles hat sich ge­wan­delt. Bis 2005 do­mi­nier­te das US-ame­ri­ka­ni­sche Wis­sen­schafts­sys­tem fast un­ein­ge­schränkt. In Europa stärk­ten die EU-Rah­men­pro­gram­me die grenz­über­schrei­ten­de Zu­sam­men­ar­beit und damit die For­schungs­uni­ver­si­tä­ten. Europas Po­si­ti­on in der hoch­zi­tier­ten For­schung ver­bes­ser­te sich. Gleich­zei­tig stieg China rasant auf. Der Grund: Ein 1998 ge­star­te­tes För­der­pro­gramm, das uni­ver­si­tä­re Am­bi­tio­nen mit staat­li­cher Stra­te­gie und mas­si­ven In­ves­ti­tio­nen verband. Bereits 2005 waren Fort­schrit­te sicht­bar. Sin­ga­pur folgte einem ähn­li­chen Weg. Damals glaub­ten viele im Westen nicht, dass ost­asia­ti­sche Wis­sen­schaft mit Europa oder den USA kon­kur­rie­ren könnte – trotz klarer An­zei­chen.

Wie hat sich die aka­de­mi­sche Mo­bi­li­tät in den USA und Europa ent­wi­ckelt?

Die USA zogen lange Zeit Talente aus aller Welt an, auch aus Europa und dem Glo­ba­len Süden. Ihre pri­va­ten For­schungs­uni­ver­si­tä­ten waren wirt­schaft­lich stark und galten über Jahr­zehn­te als An­zie­hungs­punkt für in­ter­na­tio­na­le For­schen­de. Doch heute sind die USA deut­lich ver­schlos­se­ner. Ein­wan­de­rungs­be­schrän­kun­gen, be­son­ders unter Trump, senden ne­ga­ti­ve Signale. Allein in den ersten zehn Monaten des ver­gan­ge­nen Jahres ver­lo­ren 8.000 in­ter­na­tio­na­le Stu­die­ren­de ihre Visa. Immer mehr Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler denken über einen Weggang nach – einige setzen ihn um. Europa zeigt sich im Ver­gleich offener. Die EU-Rah­men­pro­gram­me haben län­der­über­grei­fen­de For­schungs­teams eta­bliert und die Frei­zü­gig­keit in­ner­halb der EU er­leich­tert Mo­bi­li­tät. Länder wie Deutsch­land, die Nie­der­lan­de, die Schweiz und Dä­ne­mark pro­fi­tie­ren davon.

Und Groß­bri­tan­ni­en?

Vor dem Brexit war Groß­bri­tan­ni­en ein Magnet für eu­ro­päi­sche Talente. Doch nach 2020 änderte sich das deut­lich. EU-Bür­ge­rin­nen und -Bürger kamen sel­te­ner, die Zahlen der Mas­ter­stu­die­ren­den, die seither die vollen Ge­büh­ren ent­rich­ten müssen, und der Pro­mo­vie­ren­den aus der EU sanken dras­tisch, ebenso die Re­kru­tie­rung für Lehr- und For­schungs­stel­len. Heute liegt die Zahl der EU-Dok­to­ran­din­nen, -Dok­to­ran­den und Post­docs bei der Hälfte des frü­he­ren Niveaus. Eine re­strik­ti­ve­re Mi­gra­ti­ons­po­li­tik könnte diesen Trend ver­schär­fen. Die Partei Reform UK, die derzeit in Um­fra­gen führt, plant, die un­be­fris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis ab­zu­schaf­fen, jähr­li­che Vi­s­aver­län­ge­run­gen ein­zu­füh­ren und hohe Ge­halts­schwel­len für den Ver­bleib im Land zu ver­lan­gen. Das würde viele For­schen­de ver­trei­ben – und Deutsch­land sowie anderen eu­ro­päi­schen Ländern Chancen er­öff­nen, Talente zu ge­win­nen.

Hat Chinas Auf­stieg zu mehr in­ter­na­tio­na­len For­schen­den geführt?

Be­trach­tet man die Pu­bli­ka­ti­ons­da­ten, so ist der Ein­fluss der chi­ne­si­schen For­schen­den enorm: Rund 45 Prozent aller welt­wei­ten Pu­bli­ka­tio­nen ent­hal­ten min­des­tens einen chi­ne­si­schen Namen, wobei hierbei sowohl chi­ne­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge als auch For­schen­de chi­ne­si­scher Her­kunft im Ausland gezählt werden. Das ist be­mer­kens­wert. Die Ab­wan­de­rung aus China ver­lang­samt sich derzeit, doch an­ge­sichts der Be­völ­ke­rungs­grö­ße bleibt die Zahl der im Ausland Stu­die­ren­den immer noch hoch. Die Mehr­heit der Pro­mo­vier­ten kehrt in­zwi­schen jedoch zurück.

China fördert die Re­kru­tie­rung nicht-chi­ne­si­scher For­schen­der durch Pro­mo­ti­ons­sti­pen­di­en, vor allem für Afrika und den Glo­ba­len Süden. Füh­ren­de Uni­ver­si­tä­ten wollen mehr nicht-chi­ne­si­sche Pro­fes­so­rin­nen und Pro­fes­so­ren ein­stel­len, doch die Sprach­bar­rie­re bleibt ein Hin­der­nis. Chi­ne­sisch er­for­dert jah­re­lan­ges Lernen, was die Mo­bi­li­tät be­grenzt. Aus­lands­chi­ne­sen lassen sich weitaus leich­ter re­kru­tie­ren.

Welche Länder sind eben­falls auf dem Vor­marsch?

Sin­ga­pur in­ves­tiert gezielt und hat sich im klei­ne­ren Maßstab als her­aus­ra­gen­der For­schungs­stand­ort eta­bliert. Kanada könnte vom weniger ein­la­den­den Image der USA pro­fi­tie­ren, hat jedoch die Re­kru­tie­rung aus­län­di­scher Stu­die­ren­der re­du­ziert, was die An­zie­hungs­kraft auf Pro­mo­vie­ren­de und For­schen­de mindert. Die Ent­wick­lung in Indien erfolgt immer noch in Zeit­lu­pe. Die Wirt­schaft wächst schnel­ler als das frag­men­tier­te und un­ter­fi­nan­zier­te Hoch­schul­sys­tem. Spit­zen­kräf­te wandern wei­ter­hin ins Ausland ab. Früher oder später werden sich das Hoch­schul- und das Wis­sen­schafts­sys­tem Indiens jedoch wei­ter­ent­wi­ckeln.

In­ter­na­tio­na­li­sie­rung er­wei­tert den Ta­lent­pool oft um ein Viel­fa­ches. Das ist ihr ein­deu­ti­ger Mehr­wert und allein dadurch erhöht sich die Wahr­schein­lich­keit von Ex­zel­lenz.

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Welche Ar­gu­men­te gibt es denn für In­ter­na­tio­na­li­sie­rung — stei­gert sie For­schungs­qua­li­tät?

Die Antwort lautet: ja und nein. Die Rea­li­tät ent­zieht sich einer ein­deu­ti­gen Ver­all­ge­mei­ne­rung. Durch­brü­che ent­ste­hen oft aus enger, lokaler Zu­sam­men­ar­beit. Wenn Men­schen in der­sel­ben In­sti­tu­ti­on ar­bei­ten und Kultur teilen, es ein starkes ge­mein­sa­mes Wissen gibt sowie ein großes ge­gen­sei­ti­ges Ver­trau­en, dann fließen in­ter­dis­zi­pli­nä­re Ideen leich­ter. Andere In­no­va­tio­nen, ins­be­son­de­re in­ner­halb des­sel­ben Fach­ge­biets, pro­fi­tie­ren von in­ter­na­tio­na­ler Viel­falt. Die Arbeit über kul­tu­rel­le Grenzen hinweg kann An­nah­men hin­ter­fra­gen und neue Ideen an­sto­ßen.

In­ter­na­tio­na­li­sie­rung er­wei­tert zudem den Ta­lent­pool oft um ein Viel­fa­ches. Das ist ihr ein­deu­ti­ger Mehr­wert und allein dadurch erhöht sich die Wahr­schein­lich­keit von Ex­zel­lenz. Der ent­schei­den­de Punkt ist: Wis­sen­schaft und For­schung sind ihrem Wesen nach uni­ver­sell. Wenn man die in­ter­na­tio­na­le Ver­net­zung ver­liert, sta­gniert man letzt­lich. Selbst wenn Durch­brü­che lokal erzielt werden, was in großen For­schungs­sys­te­men oft der Fall ist, ist es ent­schei­dend, global ver­netzt zu bleiben.

Hat Deutsch­land die Vor­aus­set­zun­gen, ein Magnet für globale Talente zu werden?

Die Ex­zel­lenz­in­itia­ti­ve hat die ega­li­tä­re Logik des deut­schen Systems nicht über­wun­den: Jede Uni­ver­si­tät soll gut sein, jede Pro­mo­ti­on stark. Diese Tra­di­ti­on ist robust, aber un­ter­fi­nan­ziert. Der Fö­de­ra­lis­mus, der oft auf den kleins­ten ge­mein­sa­men Nenner hin­aus­läuft, bremst zu­sätz­lich. Eine deut­li­che Er­hö­hung der Grund­fi­nan­zie­rung würde die Uni­ver­si­tä­ten stärken, sowohl als ei­gen­stän­di­ge In­sti­tu­tio­nen als auch in Ko­ope­ra­ti­on mit der Max-Planck-Ge­sell­schaft. Es besteht kein Zweifel: Deutsch­land verfügt über das Talent und die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Fä­hig­keit, ein dy­na­mi­sches Kraft­zen­trum zu werden. Doch ohne deut­lich um­fang­rei­che­re Fi­nan­zie­rung bleibt das Po­ten­zi­al un­ge­nutzt. Letzt­lich lenkt Geld die glo­ba­len Ta­lent­strö­me – vor­aus­ge­setzt, die Mi­gra­ti­ons­re­geln er­lau­ben Mo­bi­li­tät.

Men­schen re­agie­ren sen­si­bel auf Ge­halts­si­gna­le – oft stärker, als sie sollten.

Simon Marginson

Welche Hürden sehen Sie für in­ter­na­tio­na­le Be­wer­be­rin­nen und Be­wer­ber in Deutsch­land?

Die Sprache ist si­cher­lich die größte Bar­rie­re. An­glo­pho­ne For­schen­de lernen selten andere Spra­chen. Auch die starren Ge­halts­struk­tu­ren mindern die Wett­be­werbs­fä­hig­keit. Die USA können Spit­zen­kräf­te mit fle­xi­blen Ge­häl­tern locken, Deutsch­land nicht. Der ent­schei­den­de Faktor für das An­wer­ben von Spit­zen­kräf­ten bleibt Geld und dessen stra­te­gi­scher Einsatz. Bri­ti­sche Ein­rich­tun­gen konnten bei­spiels­wei­se nach dem Brexit 2016, oder auch nachdem Trump die ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten an­ge­grif­fen hatte, keine Ame­ri­ka­ner an­wer­ben, weil die bri­ti­schen Ge­häl­ter nur 60 Prozent des US-Niveaus be­tra­gen. Men­schen re­agie­ren sen­si­bel auf Ge­halts­si­gna­le – oft stärker, als sie sollten.

Vor diesem Hin­ter­grund ist es umso wich­ti­ger, dass deut­sche Uni­ver­si­tä­ten beim Werben um in­ter­na­tio­na­le Talente die deut­schen Vorzüge wie die aka­de­mi­sche Frei­heit oder den Be­am­ten­sta­tus für Pro­fes­so­ren her­vor­he­ben.

Welche Rolle spielen die Be­ru­fungs­pro­zes­se?

Man braucht eine wirk­lich welt­of­fe­ne „Ein­gangs­tür“: In­ter­na­tio­na­le Mit­glie­der in Aus­wahl­kom­mis­sio­nen, sicht­bar leis­tungs­ba­sier­te Ver­fah­ren und ein Umfeld, das Of­fen­heit ver­mit­telt. Eine zu­neh­men­de Zahl in­ter­na­tio­na­ler Ein­stel­lun­gen kann mit der Zeit die Re­kru­tie­rungs­kul­tur ver­än­dern. Zudem er­schwe­ren die Sprach­vor­ga­ben bei der Lehre die Re­kru­tie­rung: Wenn Stu­die­ren­de im Grund­stu­di­um An­spruch auf Lehre auf Deutsch haben, erhöht die Ein­stel­lung einer Person ohne aus­rei­chen­de Deutsch­kennt­nis­se die Ar­beits­be­las­tung der anderen. Das macht Kom­mis­sio­nen ri­si­ko­avers.

Welche Schrit­te sollte Deutsch­land un­ter­neh­men, um Talente an­zu­zie­hen?

Aus meiner Sicht sollten drei wich­ti­ge Themen im Fokus stehen. Erstens: Deutsch­land müsste die Mo­bi­li­täts­för­de­rung aus­bau­en – etwa durch Wohn­kos­ten­zu­schüs­se, Um­zugs­hil­fen und Inte-gra­ti­ons­an­ge­bo­te wie Sprach­kur­se und Fa­mi­li­en­un­ter­stüt­zung. Das würde die Men­schen enorm mo­ti­vie­ren, nach Deutsch­land zu kommen. Zwei­tens sollten Dual-Career-Op­tio­nen ge­schaf­fen werden. Die USA sind in dieser Hin­sicht führend. Sinn­vol­le Jobs für Part­ne­rin­nen und Partner er­leich­tern aka­de­mi­schen Fa­mi­li­en den Umzug. Drit­tens braucht es eine An­schub­fi­nan­zie­rung für For­schen­de. Start­för­de­rung gibt Neu­be­ru­fe­nen Zeit, sich zu eta­blie­ren und sich um größere Sti­pen­di­en zu be­wer­ben. Deutsch­land ist in­tel­lek­tu­ell und ge­sell­schaft­lich sehr at­trak­tiv, doch es strahlt nicht auf den ersten Blick. Eine starke Mo­bi­li­täts­för­de­rung könnte das ändern.

Simon Mar­gin­son ist Pro­fes­sor für Hoch­schul­bil­dung an der Uni­ver­si­ty of Oxford und war Di­rek­tor des Centre for Global Higher Edu­ca­ti­on in Oxford. Seine For­schungs­schwer­punk­te sind globale Hoch­schul­bil­dung, Uni­ver­si­tä­ten, Wis­sens­sys­te­me, Chan­cen­ge­rech­tig­keit und öffent­li­che Politik mit Fokus auf Glo­ba­li­sie­rung und Uni­ver­si­tä­ten als öffent­li­chem Gut.