Myles Jackson
©Dan Komoda / In­sti­tu­te for Ad­van­ced Study
Myles W. JacksonOpinion

The Next Level

Myles W. Jackson über Stärken und Krise der USA

Die Stärke der ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaft basiert auf ihren in­ter­na­tio­nal aus­ge­rich­te­ten Uni­ver­si­tä­ten. Deutsch­land sollte die Krise in den USA nutzen, um ins nächste Level der aka­de­mi­schen In­ter­na­tio­na­li­sie­rung auf­zu­stei­gen – und ins­be­son­de­re junge, ta­len­tier­te For­scher:innen für sich zu ge­win­nen.

Als ich an einem fri­schen Herbst­mor­gen über das idyl­li­sche Gelände des In­sti­tu­te for Ad­van­ced Study (IAS) in Prince­ton schlen­der­te, kam ich an den Büros von Wis­sen­schaft­lern vorbei, die kurz nach der Grün­dung des In­sti­tuts im Jahr 1930 hier­her­ge­kom­men waren: Albert Ein­stein, John von Neumann, Hermann Weyl, Kurt Gödel, um nur einige zu nennen. Diese Wis­sen­schaft­ler waren Aus­län­der: Die meisten von ihnen waren vor dem Dritten Reich ge­flo­hen. Und das IAS ist nach wie vor sehr in­ter­na­tio­nal. Nur drei von sieben Pro­fes­sor:innen der School of His­to­ri­cal Studies wurden in den Ver­ei­nig­ten Staaten geboren. Und von den fünf Fields-Me­dail­len­ge­win­nern am IAS wurde nur einer – Ed Witten – hier geboren.

Aus­län­di­sche Pro­fes­sor:innen waren auch für meine Aus­bil­dung von ent­schei­den­der Be­deu­tung. Zwei meiner Men­to­ren flohen aus Na­zi­deutsch­land, der Phy­si­ker Hans Bethe und der Che­mi­ker Roald Hoff­mann, viele meiner As­sis­ten­ten für die Lehre kamen aus China und Indien. Und sowohl die Ba­che­lor- als auch die Mas­ter­stu­die­ren­den und Dok­to­rand:innen in meinem Umfeld hatten durch­weg sehr un­ter­schied­li­che kul­tu­rel­le und geo­gra­fi­sche Hin­ter­grün­de.

Manch­mal denke ich, dass deut­sche Uni­ver­si­tä­ten In­ter­na­tio­na­li­tät als die Rück­ho­lung gut qua­li­fi­zier­ter Deut­scher nach Deutsch­land de­fi­nie­ren. Das ist zwar ein lo­bens­wer­tes Ziel, aber bei Weitem nicht aus­rei­chend.

Myles W. Jackson

Es ist jetzt an der Zeit, dass deut­sche Uni­ver­si­tä­ten das nächste Level an­stre­ben und ent­schie­den in­ter­na­tio­na­ler werden. Die ak­tu­el­le Krise in der ame­ri­ka­ni­schen Wis­sen­schaft wurde im letzten Jahr aus­führ­lich do­ku­men­tiert. Viele Uni­ver­si­tä­ten sind von den Kür­zun­gen der Trump-Re­gie­rung be­trof­fen. Die Stan­ford Uni­ver­si­ty bei­spiels­wei­se gab im August bekannt, dass sie auf­grund der Politik Trumps 340 An­ge­stell­te ent­las­sen wird. Die Johns Hopkins Uni­ver­si­ty hat über 800 Mil­lio­nen Dollar an For­schungs­gel­dern ver­lo­ren, die von USAID be­reit­ge­stellt worden waren. Neunzig weitere Zu­schüs­se wurden von anderen Re­gie­rungs­be­hör­den gekürzt, was die Uni­ver­si­tät weitere 50 Mil­lio­nen Dollar kostete. Und die School of Arts and Sci­en­ces der Harvard Uni­ver­si­ty, die tapfer gegen Trumps Ver­wal­tungs­po­li­tik kämpft, ver­kün­de­te ein lau­fen­des struk­tu­rel­les Defizit von 350 Mil­lio­nen Dollar, was etwa 20 Prozent ihres Be­triebs­bud­gets ent­spricht. Solche De­fi­zi­te haben direkt dazu geführt, dass eine Reihe füh­ren­der Uni­ver­si­tä­ten ent­we­der die Zahl der künf­ti­gen Ein­stel­lun­gen be­grenzt oder einen voll­stän­di­gen Ein­stel­lungs­stopp ver­hängt hat.

Warum aber sollte Deutsch­land nicht alles dar­an­set­zen, Wis­sen­schaft­ler:innen, die nor­ma­ler­wei­se in die USA gehen würden, für eine Kar­rie­re an einer deut­schen Uni­ver­si­tät zu ge­win­nen?

Myles W. Jackson

Das ist be­dau­er­lich und er­schre­ckend. Warum aber sollte Deutsch­land nicht alles dar­an­set­zen, Wis­sen­schaft­ler:innen, die nor­ma­ler­wei­se in die USA gehen würden, für eine Kar­rie­re an einer deut­schen Uni­ver­si­tät zu ge­win­nen? Im Fokus stehen ver­mut­lich be­son­ders Aka­de­mi­ker aus Indien und China. Dabei sollte Deutsch­land sich vor allem auf Post­docs und Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler:innen kon­zen­trie­ren. Denn „nam­haf­te“ US-For­schen­de sind teuer und können lau­nen­haft sein. Die Jün­ge­ren hin­ge­gen sind fle­xi­bler, mobiler und haben auf lange Sicht wo­mög­lich ein grö­ße­res Po­ten­ti­al. Um es im ka­pi­ta­lis­ti­schen Geiste zu sagen: Sie sind eine geringe In­ves­ti­ti­on mit hoher Rendite. Derzeit er­hal­ten viele von ihnen in den USA in einigen Dis­zi­pli­nen stark ge­kürz­te oder gar keine För­der­mit­tel mehr. Das wäre eine Win-win-win-Si­tua­ti­on: für die For­schung, die jungen Talente und für die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten. Auch wenn das manche Wis­sen­schafts­ver­tre­ter:innen in Deutsch­land nicht hören wollen.

Ein Fehler wäre es, den Blick nur auf Na­tur­wis­sen­schaf­ten und Technik zu richten. Wir sollten nicht ver­ges­sen, dass Erwin Pan­of­sky, der re­nom­mier­te Kunst­his­to­ri­ker, der vor den Nazis floh, ein füh­ren­der Wis­sen­schaft­ler am IAS war, dessen welt­wei­ter Ein­fluss bis heute enorm ist. An­ge­sichts der zahl­rei­chen Krisen auf der ganzen Welt können Geistes- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten uns helfen, solche Di­lem­ma­ta zu ver­ste­hen und uns mit ihnen in aller Tiefe aus­ein­an­der­zu­set­zen. Echte In­ter­na­tio­na­li­tät bringt eben nicht nur bessere Ideen, In­no­va­tio­nen, und Ein­sich­ten mit sich, sondern eine Viel­zahl von Per­spek­ti­ven – sie ist eine Be­rei­che­rung auf allen Ebenen.

Myles W. Jackson ist Ernst and Eli­sa­beth Albers-Schön­berg Pro­fes­sor in the History of Science und Di­rec­tor of the School of His­to­ri­cal Studies am In­sti­tu­te for Ad­van­ced Study, Prince­ton, USA